Solidarität mit Israel – Rede von Leon Widecki – Präsentation der 72. Ausgabe im Jüdischen Museum Wien

Porträt von Leon Widecki - Foto: Ernst Hammerschmid
Foto: Ernst Hammerschmid

Sehr geehrte Barbara Staudinger, vielen Dank für die freundliche Begrüßung und für das zur Verfügung stellen dieses Raumes anlässlich der Präsentation der 72. Ausgabe des Jüdischen Echo. Danke auch an Natascha Golan und ihrem Presse-Team sowie Verena Schrom, die uns bei den Vorbereitungen und der Organisation des heutigen Abends zur Seite gestanden ist.

Ich begrüße ganz besonders herzlich unsere Autorinnen und Autoren – fast alle in Wien lebenden sind heute anwesend — Claudia Prutscher, Vizepräsidentin der IKG, Caro Shklarek mit Alon und Nadja Fratzl-Zelman, die beiden Töchter des Gründers und langjährigen Herausgebers des Jüdischen Echo.

Ich freue mich über das zahlreiche Erscheinen unserer Freund:innen, sowie last but not least meiner lieben Familie.

Solidarität und ihre Grenzen. Christian Schüller, leitender Redakteur des Jüdischen Echo, hat unter diesem Titel ein wunderbar pluralistisches und facettenreiches Jahrbuch zusammengestellt, das mit seinen 23 Beiträgen dieses Leitthema aus sehr unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Klarerweise gehen viele Artikel auf das ungeheuerliche und unbeschreiblich grausame Massaker vom 7. Oktober 2023 und den darauffolgenden Krieg in Gaza ein, zu dem Israel durch die vom Iran unterstützen Terrororganisationen gezwungen wurde.

Jeder Staat der Welt müsste auf so einen schrecklichen Überfall seines Nachbarn mit über 1200 Toten, 240 verschleppten Geiseln, dutzenden brutal vergewaltigten Frauen und 1000en Verletzten entsprechend reagieren, sich selbstverständlich dagegen zur Wehr setzten.                           

Über die zigtausenden Raketen und Brandsätze, die aus dem Gaza, von der Hisbollah im Norden und von den jemenitischen Huthis auf dutzende Städte, Ortschaften und Kibbuzzim in ganz Israel abgefeuert werden und die Bevölkerung Israels seit vielen Jahren terrorisieren, spricht ohnehin niemand mehr. Stellen Sie sich vor, die Ziele dieses permanenten Raketenterrors hießen nicht Sderot, Ashkelon, Tel Aviv und Haifa, sondern Wien, Graz, Zwettl oder Eisenstadt.                                                                     

Doch eines war vom Anbeginn des Kampfes gegen die Hamas und andere palästinensische Terrorvereinigungen klar: Mit jedem weiteren Kriegstag wird der Zivilisationsbruch, das schlimmste Pogrom an Jüd:innen seit der Shoa, das diese Barbaren vor laufenden Kameras in Israel verübten, von vielen Menschen verdrängt, verleugnet und vielerorts sogar legitimiert.

Die explodierenden Zahlen antisemitischer Straftaten, die Angst von Jüdinnen und Juden vor Diskriminierung und Gewalt in ihrem Alltag sind für Politiker:innen Anlass zu noch mehr Lippenbekenntnissen. Die Floskeln „Antisemitismus hat keinen Platz in unserer Gesellschaft“ oder „Nie wieder ist jetzt“ sind zu Fließbandsätzen geworden. Jeder, der sie mit betroffener Miene runterleiert, weiß, dass es Wunschdenken ist.

Antisemitismus – besser gesagt: Judenhass – hat sogar sehr viel Platz in unserer Gesellschaft: Er hat sich breitgemacht in Kinderköpfen und auf Schulhöfen, in Hörsälen, in Moscheen, auf Social-Media-Kanälen.  In bestimmten linken und rechten Milieus, wo „Israelkritik“ (kennen Sie eigentlich Begriffe wie „Irankritik“ oder „Russlandkritik“?), wo Antizionismus und Antisemitismus schon seit Langem zu den üblichen und verbreiteten Narrativen gehören. In Kulturstätten und bei jeder Pro-Palästina-Demo sowieso.

In TV-Sendern aus der muslimischen Welt läuft Judenhass täglich über Bildschirme in Österreich und vieler anderen Staaten. Ebenso hundertmillionenfach in den sogenannten „Sozialen Medien“. Er ist wieder beinahe zu einer Selbstverständlichkeit geworden, die jeden vernünftigen Menschen angewidert zurücklassen sollte.

Die meisten Demonstrationen, die angeblich „Gerechtigkeit und Freiheit für Palästina“ fordern, beinhalten unmissverständliche Bekenntnisse zur Hamas, zu Terror, Vergewaltigungen und der Abschlachtungen von Zivilisten. Zur Zeit auffallend oft an amerikanischen Universitäten.

Wer heute zur falschen Zeit, am falschen Ort die israelische Flagge schwenkt, eine Kippa trägt oder Hebräisch spricht, muss mit allem rechnen. Wie kann es sein, dass keine 80 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz zugelassen wird, dass viele Jüdinnen und Juden in bestimmten, zumeist migrantischen Milieus oder an Hochschulen, in der Öffentlichkeit nicht als solche erkannt werden wollen – weil sie vorsichtig sein müssen, um nicht aufzufallen, um keine Gewalt zu erleben?

Auch Queers, Hipster und andere, die mit ihrem Lifestyle keinen einzigen Tag in einem Hamas regierten Staat überleben würden, bezeichnen den Massenmord an israelischen Zivilisten mitunter als „Freiheitskampf“.   Der Glaube daran, dass die Welt ohne Israel – nichts anderes bedeutet das oft gehörte „Palestine from the River to the Sea“ – besser wäre, wird von Millionen als einzig mögliche Friedenslösung propagiert. Dieser Glaube gedeiht auch in bestimmten, von post-kolonialer Ideologie gesteuerten, von „Apartheidstaat Israel“ faselnden Hirnstuben, darunter auch jene zahlreicher Journalist:innen und Vertreter:innen von NGOs.

Wo bleibt die einfache Erkenntnis, dass die Terroristen der Hamas die Waffen niederlegen und die nach wie vor in den Gaza-Streifen verschleppten 133 Geiseln – von denen trauriger Weise viele nicht mehr am Leben sind — freigeben müsste, um sofort einen Frieden zu haben? Warum wird kontinuierlich ignoriert, dass die Hamas, welche die im Gaza lebenden Zivilist:innen als menschliche Schutzschilder missbraucht, bei all den vielen abgehaltenen Verhandlungen ständig absurde Bedingungen vorschlägt oder Angebote für einen Waffenstillstand ablehnt? Israel hatte einer sechswöchigen Feuerpause sowie dem Austausch von 700 palästinensischen Gefangenen, darunter gerichtlich verurteilte Mörder, zugestimmt. Im Gegenzug sollten lediglich 40 Geiseln freigelassen werden. Frauen, Kinder und Ältere.

Der iranische Angriff auf Israel in der Nacht vom 13. auf den 14. April mit 350 bis 500 Drohnen und Langstrecken-Raketen war der erste seit der Islamischen Revolution von 1979, der direkt vom verbrecherischen, klerikal-faschistischen Mullah-Regime und von seinem Territorium aus unternommen wurde. Nur der 99%-igen Abwehr durch Israel und seine Verbündeten ist es zu verdanken, dass es zu keinem Massensterben gekommen ist.

Jüdinnen und Juden auf der ganzen Welt feiern in diesen Tagen das Pessach-Fest, um an den Auszug der Israeliten aus Ägypten und deren Befreiung aus der Sklaverei zu erinnern. Pessach ist an sich ein Fest der Besinnung, der Freiheit und der Freude.

Aber wo ist die Freude in den Tagen des Krieges und des Todes, der verwüsteten und nach wie vor leeren Kibbuzim?

Wo angesichts der Hunderttausenden, die in Israel und dem Gaza-Streifen aus ihren Häusern vertrieben wurden?                          

Und wie können wir von Freiheit sprechen, wenn immer noch Geiseln entführt sind, gefoltert, ausgehungert und sexuell missbraucht werden?

Wenn die Menschen auf beiden Seiten unter einem Krieg leiden, der ihnen von einer barbarischen, mörderischen und diktatorischen Herrschaft der Hamas aufgezwungen wurde?

Jedenfalls ist unsere Freude in diesem Jahr kleiner und anders als in den vergangenen Jahren, und das Wort „Freiheit“ ist mehr als eine Inspiration, es ist eine schmerzhafte Erinnerung an ihre Abwesenheit.

Doch zurück zum Jüdischen Echo. Wie bereits erwähnt, hat Christian unter wahrlich schwierigen und kontroversen Rahmenbedingungen ein Werk geschaffen, das ein sehr breites Spektrum zum Leitthema „Solidarität und ihre Grenzen“ abdeckt. Jeder Beitrag ist interessant und lesenswert. Man fühlt sich oft in seiner Meinung und seinen Ansichten bestätigt – oder auch nicht. Jedenfalls beinhaltet auch diese Ausgabe wieder viel Stoff zum Nachdenken.

Mein Dank gilt allen, die maßgeblich zum Zustandekommen des großartigen Ergebnis beigetragen haben, allen voran Susanne Trauneck. Sie ist in unserem Herausgeberverein der Motor, der besonders engagierte Rückhalt. Unterstützt von Irina Abajew, ist es Susanne, die das ganze Werk am Laufen hält,

Unser langjähriger Partner bei Gestaltung, Produktion und Vertrieb des Jüdischen Echo ist der Falter Verlag, heute Abend vertreten durch Nini Tschavoll, Christian Zillner und Sigmar Schlager. Vielen Dank an euch und euer Team, das mit außergewöhnlichem Einsatz Jahr für Jahr dafür sorgt, dass wir nicht nur zum geplanten Termin erscheinen, sondern auch ein anspruchsvoll gelayoutetes Heft bekommen.

Im Anschluss erwartet uns jetzt ein Gespräch, das Christian Schüller mit Barbara Schmid vom Verein FREI.Spiel und der Journalistin Celeste-Sarah Ilkanaev führen wird. Danach präsentiert Linn Ritsch, Chefredakteurin des „anzeiger“ bei der FALTER VERLAGSGRUPPE und Mitarbeiterin von Ö1, Leseproben aus der aktuellen Ausgabe.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit, danke für eure grenzenlose Solidarität mit dem Jüdischen Echo.

Chag Pessach Sameach.

Es gilt das gesprochene Wort

Wien, am 25.4. 2024

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