Grenzen, Stimmen von Julya Rabinowich
Willkommen an einem idealen Ort.
Dieser ideale Ort ist ein Riss in Zeit und Raum. Er ist Aufhebung von Grenze, Nation und Region. Stellen Sie sich vor, dass für einen Tag alles aufgehoben wird, das uns prägt, beschränkt, beschützt und gestaltet. Dies ist ein fiktiver Ort in und um uns, aber wir, in denen dieser Ort entsteht, sind nicht fiktiv, und somit ist auch der ideale Ort nicht fiktiv. Sagen wir, dieser Ort existiert einen Tag und eine Stunde. Jedes Märchen arbeitet mit zeitlichen und räumlichen Algorithmen. Ein Tag und eine Stunde. Das, was den idealen Ort ausmacht, ist die Abwesenheit von etwas, das außerhalb dieser Zeitspanne von einem Tag und einer Stunde stacheldrahtfest in unsere Wahrnehmung der Welt gewachsen ist: die Grenzen, die den Planeten mal mehr und mal weniger geometrisch in Filetstücke unterschiedlicher Länder teilt. Diese Länder prägen, wie Münzen geprägt werden: Die Prägung macht erst den Wert aus.
Diese mal mehr und mal weniger geometrische Linien entscheiden über Lebensqualität und Lebenserwartung und Krankheit und Tod. Entscheiden über die Rechtssicherheit und die demokratischen Möglichkeiten. Entscheiden über Chancengleichheit und Verzweiflung. Der ideale Ort hebt temporär auch das auf, was Europa in manchen Ländern mehr, in anderen weniger zu bieten hat: die Gnade der Geburt. Alle Menschen sind gleich an Rechten geboren. Aber niemand garantiert diese Rechte in weiten Teilen dieser Welt. Krieg hebt sie auf. Armut hebt sie auf. Willkür hebt sie auf. Failing states und Diktaturen haben keine Geburtsgnade zu bieten.
Region, Raum, Grenze – das sind Begriffe, die sich alle im Laufe der Zeit gewandelt haben, die Grenzen lösten sich auf, rückten zusammen, Regionen wuchsen zu neuen Landteppichen, Kontinente rückten näher. Die Globalisierung hat unsere Welt entscheidend und irreversibel verändert. Kolonialgeschichte zeichnete übergreifenden Gewinn und übergreifende Ausbeutung vor. Viele Migrationswege der Jetztzeit wurden auf diese Art und Weise bereits in unserer Vergangenheit angelegt. Wir vergessen das immer wieder gerne. Wer weltweit billig Wasser aufkauft, um es um ein Vielfaches weiterzuverkaufen, wer behauptet, Menschen hätten gar kein Menschenrecht auf Wasser, der sät Sturm und wird Sintflut ernten. Und nach wie vor kommen Menschen übers Meer, nicht weil sie wollen, dass sie es bequemer haben. Sondern weil sie leben wollen. Überleben. Es ist nicht mehr so weit weg wie früher, das Sterben. In Lastwägen in Österreich ist dieses Sterben schon angekommen, jenes Sterben, das seit Jahren im Mittelmeer seinen Platz bezogen hat: zwischen den Ausflugsschiffen und den Badenden.
Europa und der Mittelmeerraum: Man stelle sich vor, die Staatsgrenzen würden verschwinden.
(Foto: Felix Pharand-Deschenes, Globaia/Science Photo Library/picturedesk.com)
„Dunkelheit unter mir, über mir, links und rechts. In der Dunkelheit über meinem Kopf Sterne. Unter mir Wellen. In der Dunkelheit hinter mir Schreie. In meiner Dunkelheit Stille.“
Wenn wir aber Krieg und Elend nicht aussperren können, wie sollen wir damit umgehen, dass Krieg und Elend stattfinden, dass sie existieren, im Endeffekt mitten unter uns? Ein tägliches Elend, das sich an unseren Grenzen bricht wie Wellen am Kai. Hokusais Welle, das übereinandergetürmte Furchterregende einer drohenden Überflutung ist eines der emotionalen Bilder, die evoziert werden, wenn man in die Medien blickt und manchen Politikern zuhört. Dieses Bild hält der Wirklichkeit nicht stand, aber der Schaden ist bereits geschehen. Da spielen sich beschämende, bedrückende Szenen ab: in Österreich beamtlich. Im Mittelmeer hingegen hochdramatisch.
Italiens Marine rettet Flüchtlinge: Sterben im Mittelmeer.
(Foto: Italian Navy/dpa/picturedesk.com)
Das subjektiv emotionale Bild der Bedrohung der Hokusai-Welle wird in zweiter Ausbaustufe argumentativ versachlicht, indem zwischen lupenreinen und den sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen unterschieden wird. Die Grenzen sind allerdings auch hier fließend. Denn wer die gefährliche Reise über das Mittelmeer in Kauf nimmt, der ist verzweifelt. Dessen Leben verläuft in solch furchtbaren Konstellationen, dass die ungewisse Fahrt in Booten, die auseinanderzubrechen drohen, trotz aller davor untergegangenen Schiffe nicht unsicherer erscheint. Wer Menschen, die so verzweifelt sind, dass ihnen das Ertrinken ein ebenso großes Risiko ist wie das Verbleiben in ihrem Land, zu „Wirtschaftsflüchtlingen“ abstempelt, hat nicht begriffen, um was es geht. Viele werden das Ufer nie erreichen. Wir gewöhnen uns an Bilder von Leichensäcken und toten Kleinkindern im Sand der Mittelmeerstrände. An die Lastwägen mit verwesenden Leichen haben wir uns noch nicht gewöhnt.
Leihen wir uns eine Stimme, die anderes sagt als Zahlen und Tabellen.
„Dunkelheit unter mir, über mir, links und rechts. In der Dunkelheit über meinem Kopf Sterne. In der Dunkelheit unter mir Wellen. In der Dunkelheit hinter mir Schreie. In meiner Dunkelheit Stille. Meine Lippen sind aufgesprungen, weil ich zu viel geredet habe, früher einmal habe ich gerne und viel geredet. Im Boot habe ich begriffen, dass das Reden Silber, das Schweigen aber Gold ist. Durch mich gewonnen, durch mich geronnen. So viel Sand auf dem Weg, genug für viele Sanduhren, deren Zeit läuft und läuft und steht immerzu still, am gleichen Fleck wie beim Beginn, und die Schulden werden nicht weniger und nicht weniger. Manchmal werfen die Bootsführer uns ohne Vorwarnung ins tiefe Wasser, das haiverseucht ist, und schließen Wetten ab, wer von uns es bis zum Ufer schafft. Der, der auf mich gesetzt hat, hat gewonnen. Der andere hat gelacht. Und gezahlt. Alles muss man bezahlen. Vor allem die Hoffnung. Und es wird ein Schiff, werden neue Menschen kommen, im stillen Dunklen übers Meer …“
Und noch eine andere Stimme, ebenso geliehen wie die erste.
„Feuerschein hinter mir. Schweigen in mir und Stille rundum. Das eine Kind an einer Hand, das andere im Arm, der Bub geht vor. Vorsichtig. Rucksack schneidet ein, ist schwer, die ganze Vergangenheit zusammengeschnurrt auf einen Rucksack, und die will man nicht loslassen, irgendwas muss man festhalten, sonst wird man zu leicht, und immer leichter, ausgedünnt von Geschichte, bis man halb durchsichtig ist und dann ganz weg. Der Rucksack verankert mich auf fremder Erde, die wir unter unseren Füßen weiterschieben, wir stoßen uns ab wie Schlittschuhläufer stoßen wir uns ab, und gleiten, gleiten aus dem Bekannten ins Ungewisse, und es ist kalt, wie beim Schlittschuhlaufen, aber kein heißes Teeglas in unseren Fingern, die ich kaum noch spüre, weder meine noch die vom Kind.
Ich atme sie an, ich stoße alle Hitze hervor, die mir noch gehört, ich will ein Drache werden, ich werde rasend vor Wut, weil meine Wärme so eine erbärmliche kleine Wärme ist im großen Dunkel des Waldes, wütend wie ein Drache, aber nicht mal halb so warm, das Feuer ist hinter uns, kein Widerschein gegen den Nachthimmel.
Ich schnappe nach der kalten Luft, stoße die kalte Luft hervor, und die Finger vor mir bleiben, wie sie sind. Viel später werden wir uns wieder erwärmen, wir drei, der ältere Bub, die Tochter und ich. Und die kleinen Finger werden so bleiben, wie sie sind, ich werde meine eigenen kaum aus ihnen lösen können, nur mit Gewalt, und ich werde nicht weinen, weil ich ja noch zwei Kinder weiterbringen muss und keine Zeit ist für solche Kinkerlitzchen wie stehen bleiben. Ich geh also und geh, und meine Augen werden Stein, ich kann die Lider nicht senken, ich kann den Blick nicht lösen von dem Ziel, und das Ziel heißt: vorwärts. Das Ziel heißt: nicht innehalten.
„Sie geben mir Medizin, ich nehme sie statt der Worte in den Mund und schlafe. Und dann fragen sie mich wieder, und wieder, wo, warum, weshalb, woher. Wo ich über die Grenze gekommen bin.“
An der Grenze fangen sie uns ab, fangen sie uns auf, ich falle, falle in ihre helfenden Hände, in ihre wärmenden Decken, in ihren Bus, und ich denke, mein Mann hatte recht, alles wird wieder gut. Und als wir schon in Wien sind und alle gegessen haben und geschlafen, und sogar beim Arzt, als mir ganz klar ist, dass wir leben, da fällt mir der Wald wieder ein. Und der Schnee. Die Stille. Ich werde von vielen Unbekannten befragt, und je mehr ich rede, desto sinnloser kommen mir die Worte vor, weil sie der Realität nicht standhalten können, weil ,Weg‘ und ,Kälte‘ und ,Wald‘ sinnlos sind. Ich lache also und dann schweige ich. Sie geben mir Medizin, ich nehme sie statt der Worte in meinen Mund und schlafe. Und dann fragen sie mich wieder und wieder, wo, warum, weshalb, woher. Wo ich über die Grenze gekommen bin.“
Ärztliche Hilfe an der Grenze zu Mazedonien.
(Foto: Ruiz Rodriguez/MSF)
Junger Flüchtling am Salzburger Hauptbahnhof.
(Foto: Caritas Salzburg/Wildbild)
Zwischenstopp in Österreich: Helfende Hände.
(Foto: Caritas Salzburg/Wildbild)
Die Grenzen also, immer und immer und immer wieder.
Was also tun? Alle abweisen, die Schiffe versenken, den Rücken zukehren und schweigen? Das kann kaum eine Lösung sein. Die humane Gesellschaft ist ein permanenter Balanceakt, ein Tanz auf dem Drahtseil der Herausforderung. Hier, in unserem idealen Ort, gibt es sie nicht und hat es sie nicht gegeben. Aber dieser Ort verschwindet, die Stunden laufen ab, der Riss in Zeit und Raum schließt sich. Und wir bleiben zurück. Mit Leichensäcken am Urlaubsstrand, mit einem Lkw, in dem Körper von Frauen, Männern und Kindern in der Hitze verwesen.





