Mehr als (eine) Heimat? Ein Vorwort von Christian Schüller

Wohin sollen wir gehen, wenn uns keiner haben will? Diese Frage hätten ihre Kinder ihr gestellt, erzählt eine Frankfurter Jüdin in Yvonne Brandls Beitrag im ersten Kapitel dieser Ausgabe. Ähnliches fragt sich unsere Autorin Anita Haviv-Horiner, deren Freunde und Bekannte angesichts der unerträglichen Spannungen in ihrer Heimat Israel ans Auswandern denken. Die Menschen in Max Fellmanns Beitrag haben den Schritt in ein neues Land gewagt, viele Protagonist:innen in Tessa Szyszkowitz’ Beitrag wollen ihre Heimat Großbritannien nicht verlassen. Das Dilemma zwischen Gehen und Bleiben zieht sich durch den ersten Teil.
Im zweiten Kapitel geht es darum, wie aus dem Leben in der Diaspora heute manches Neue, Unerwartete hervorgeht, weil die Grenzen zwischen unterschiedlichen Identitäten mitunter fließend sind. So berichtet Stella Schuhmacher über die steigende Zahl US-amerikanischer Paare, die jüdische und nicht jüdische Tradition verbinden, und Gordon Lewis reflektiert über die Frage: Welche Hautfarbe haben Jüdinnen und Juden? Seine Antwort: alle.
Im dritten Kapitel berichten wir von Orten, wo vom jüdischen Leben nur mehr Spuren übrig geblieben sind, etwa in Istanbul, in Süditalien oder im Wiener Arbeiterbezirk Favoriten. Wir besuchen aber auch polnische Städte, in denen eine neue Generation nicht jüdischer Menschen aktiv nach diesen Spuren sucht.
In Frankfurt und Tel Aviv, Istanbul und Warschau, London und Paris, Moskau und São Paulo, Los Angeles und Wien sind unsere Geschichten angesiedelt, oder irgendwo dazwischen. Zeitlich reicht der Bogen vom Osmanischen Reich unter Sultan Beyazid bis zum Amerika des Donald Trump. In vielen Artikeln spielt Israel eine zentrale Rolle. Israel als letzter Anker. Israel, für das man sich verantwortlich fühlt. Israel als Stein des Anstoßes. Wir verstehen den Schmerz der Israelis, sagt der Direktor des Jüdischen Museums in Warschau, aber versteht die israelische Regierung auch unseren Schmerz in der Diaspora?
Es sei ironisch, dass er sich heute am besten unter Leuten aufgehoben fühle, mit denen er weltanschaulich wenig gemeinsam habe, schreibt Danny Leder aus Paris. Eine politische Heimat zu finden, sei heute schwieriger, als einen Ort, den man Zuhause nennen kann, resümiert Susanne Scholl ihr Leben zwischen Moskau und Wien. Reflexionen wie diese zeigen, dass Diaspora nicht bloß eine Ortsbestimmung ist.
Den Historiker Jonathan Elukin beschäftigt, warum jüdische Gemeinschaften immer wieder an Orte zurückgekehrt sind, aus denen ihre Vorfahren vertrieben worden waren. Und er stellt die Frage, wie die Geschichte des jüdischen Überlebens in der Diaspora erzählt werden sollte: als Abfolge überstandener Katastrophen oder als Geschichte erfolgreicher Anpassung?
Orte und Zeiten geraten in den Beiträgen dieses Hefts oft durcheinander. Dass junge, säkulare Jüdinnen und Juden in Kalifornien die jiddische Kultur wiederentdecken, wie Rabbi Zach Golden berichtet, scheint ein Anachronismus zu sein. Doch in der zerbrochenen Welt des osteuropäischen Judentums finden sie etwas, das sie auf neue Weise mit dem Heute verbindet.
Auch in der brasilianischen Metropole São Paulo werden die Fäden zwischen Vergangenheit und Gegenwart neu gesponnen: Eine Schriftstellerin, die von jüdischen Zuwanderern aus Osteuropa abstammt, erzählt Geschichten, in denen sich Migrantinnen aus dem Nordosten
Brasiliens wiedererkennen. Ein jüdisches Kulturzentrum wird heute von einem koranischen Chor und einem bolivianischen Näherinnen-Kollektiv mitbenützt. Wie unsere Autorin Linn Ritsch vom Leiter des Zentrums gehört hat: Ein jüdisches Haus zu schaffen heißt für uns, einen Raum zu schaffen, der die grundsätzliche Andersartigkeit und Verschiedenheit anerkennt und feiert. Das tut auch diese Ausgabe des Jüdischen Echo.

