„Wo ist für Jüdinnen und Juden daheim?“, Vorwort von Leon Widecki

Die Frage klingt einfach, fast harmlos. Und doch gibt es sehr unterschiedliche Antworten darauf. Für viele meint „daheim“ einen Ort: ein Haus, eine Straße, eine Stadt, eine Landschaft, eine Nation. Für uns ist „daheim“ seltener ein Punkt auf der Landkarte als etwas, das immer wieder neu hinterfragt werden muss.

Historisch war das jüdische Zuhause meist beweglich. Nicht freiwillig, sondern aus Notwendigkeit. Über Jahrhunderte hinweg war jüdisches Leben geprägt von dem Wissen, dass Bleiben immer vorläufig sein konnte. Das Haus war stabil, bis es das nicht mehr war. Die Sprache vertraut, bis sie sich gegen einen wandte. Heimat wurde als Zustand auf Zeit erfahren – bis zur nächsten Verfolgung, dem nächsten Pogrom, dem nächsten Genozid.

Das ist der Grund, warum jüdisches Daheimsein sich früh von Orten löste und an etwas anderes band: an Texte, Rituale, Erinnerungen. Der Glaube, die Thora, das Gebet ließen sich mitnehmen. Wo Juden zusammenkamen, entstand ein provisorisches Zuhause – nicht, weil es dort sicher war, sondern weil Bedeutung geteilt wurde. Daheim war dort, wo man verstanden wurde, zumindest von den eigenen Leuten.

Israel als symbolisches Zuhause und reale Heimat

Mit der Gründung des Staates Israel in 1948 hat sich das grundlegend geändert. Zum ersten Mal seit über 2000 Jahren gab es wieder einen Ort, der nicht nur Zuflucht, sondern Selbstverständlichkeit versprach. Ein Ort, an dem jüdisches Leben nicht erklärt, verteidigt oder relativiert werden musste. Israel wurde zu einem realen Zuhause, für andere zu einem symbolischen: dem Gedanken, dass es einen Ort gibt, an dem man nicht nur Gast ist, sondern sich jederzeit niederlassen kann.

Israel ist alles andere als ein einfaches Zuhause. Es muss sich permanent gegen Auslöschungsfantasien hasserfüllter Feinde verteidigen, ist politisch umkämpft, emotional aufgeladen. Für manche ist es Schutzraum, für andere Projektionsfläche, für wieder andere wie ein ferner Verwandter, den man nicht besucht, aber dessen Existenz man braucht. Israel ist Heimat – und zugleich Anlass für innere Konflikte.

In der Diaspora bleibt das Daheimsein ambivalent. Man ist österreichisch, französisch, amerikanisch – und jüdisch. Das „und“ ist dabei entscheidend, aber nie selbstverständlich. Es gibt Zeiten, in denen es mühelos wirkt, und andere, in denen es wieder bedrohlich wird. Der seit dem 7. Oktober 2023 weltweit manifeste und oft mörderische Antisemitismus erinnert uns Jüdinnen und Juden zum wiederholten Male daran, dass Zugehörigkeit widerrufbar ist.

Jüdisches Daheimsein: mehr als ein geografisch bestimmbarer Ort

Vielleicht ist jüdisches Daheimsein deshalb weniger ein Ort als eine Haltung: die Fähigkeit, Zugehörigkeit zu behaupten, ohne sie garantiert zu bekommen.

Am Ende bleibt die Antwort offen – nicht aus Schwäche, sondern aus Erfahrung. Für Juden und Jüdinnen ist daheim dort, wo Leben möglich ist, Würde gewahrt bleibt und Erinnerung nicht verleugnet werden muss. Für viele jüdische Menschen heißt das: in Israel. Und oftmals entscheidet man sich, zu bleiben, wo man ist – trotz allem.

Nach Lektüre dieses von Christian Schüller chefredaktionell facettenreich gestalteten und von hervorragenden Autor:innen geschriebenen Jüdischen Echo werden Sie der Antwort näherkommen und/oder die jüdische Perspektive zu „Wo ist daheim“ besser verstehen.

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